Nachgehakt...
..bei Prof. Dr. Dr. h.c. Gero Becker, Direktor des Instituts für Forstbenutzung und Forstliche Arbeitswissenschaft der Universität Freiburg
Informationsdienst Holzmobilisierung: Prof. Becker, ist Holzmobilisierung im Kleinprivatwald auch ein Forschungsthema oder vor allem eine Frage der Umsetzung von Holzeinschlag?
Gero Becker:Holzmobilisierung im Privatwald ist mit Sicherheit auch ein Forschungsthema. Letztlich geht es darum, Waldbesitzer zu mobilisieren. Nur wenn diese einer Nutzung in ihrem eigenen Wald positiv gegenüberstehen, kann der Holzeinschlag erfolgreich getätigt werden. Die Forschung konzentriert sich in diesem Zusammenhang auf die Ziele und Motive der Waldbesitzer einerseits, andererseits aber auch auf sachliche Defizite und Hemmnisse, die einer Holznutzung entgegenstehen: Dies können sein: unzureichende eigene Kenntnisse und Kompetenz, fehlende Informationen, mangelnder Marktüberblick und das Gefühl der „Ohnmächtigkeit“ angesichts einer Abnehmerstruktur, die zunehmend durch Großbetriebe geprägt ist.
IH: An einer Stelle werden Sie zitiert mit 'Kleinprivatwaldbesitzer ticken anders'. Was hat es damit auf sich?
GB:Viele Experten, die sich mit der Holzmobilisierung befassen, gehen auch heute noch davon aus, dass alle Waldbesitzer ein ökonomisch-rationales Verhalten an den Tag legen würden. Dies führt zu der Annahme, dass die Erwartung eines finanziellen Überschusses ausreicht, um eine Holznutzung im Privatwald in Gang zu setzen. Tatsächlich haben die Waldbesitzer eine ganze Palette von ökonomischen und außerökonomischen Zielsetzungen, setzen also für sich oft andere als finanzielle Prioritäten. Dies führt zu Handlungsweisen, die auf den ersten Blick nicht „rational“ erscheinen, aber sehr häufig eine tiefe emotionale Bindung an den eigenen Wald offenbaren.
IH: Was sind die 'key factors' für eine erfolgreiche Arbeit im Kleinprivatwald?
GB:Die Schlüsselfaktoren sind Information, Vertrauen schaffen, für einen zügigen technischen und organisatorischen Ablauf sorgen, und vor allem den Wald und die Waldwege nicht in einem indiskutabel schlechten Zustand hinterlassen. Die Waldbesitzer müssen überzeugt sein, dass eine gemeinsame Nutzung benachbart liegender Flächen für alle Beteiligten Vorteile bietet, und zwar in Bezug auf die eingesetzte Technik, die Kosten und die Vermarktungschancen.
IH: Zur Frage, wer die Beratung und Betreuung im Privatwald vor allem machen sollte? Die Forstbetriebsgemeinschaft, staatliche Bedienstete, Selbstwerber? Wer vereint die meiste Glaubwürdigkeit mit der höchsten Effizienz?
GB: Die Frage, welcher Berater zugleich glaubwürdig ist und effizient wirtschaftet, kann nicht generell beantwortet werden. Zum einen liegt es an den gegebenen Betreuungsstrukturen der Landesforstverwaltungen, ob Vertrauen entsteht und ein effizientes Arbeitsergebnis abgeliefert werden kann. Wie in allen anderen Bereichen, scheint auch hier die Spezialisierung Vorteile zu bieten. Ein auf „seine“ Privatwaldbesitzer fokussierter Betreuungsförster könnte dabei von Vorteil sein. Erfolgreiche Privatwaldarbeit ist auch, aber nicht nur eine Frage der Personen. Privatwaldbesitzer erkennen fachliche Kompetenz an, wünschen aber keine Bevormundung. Sie wollen mit ihren individuellen Zielen ernst genommen werden. Wer diese Glaubwürdigkeit verbindet mit einer effizienten Organisation von Beratung und Betreuung – unterstützt durch moderne Mittel, wie digitale Karten, Email, und eine reibungslose Organisation – wird beim Privatwald erfolgreich sein, gleich ob er staatlicher Förster, Geschäftsführer einer Betriebsgemeinschaft oder Forstunternehmer-Selbstwerber ist.
IH: Was kann Fortbildung der Waldbesitzer in diesem Kontext bewirken? Wie muss sie aussehen?
GB:Grundsätzlich muss sich das Fortbildungsangebot an den Sozialstrukturen und den Zielsetzungen der Waldbesitzer orientieren. Der urbane Waldbesitzer aus dem städtischen Wohnumfeld wünscht möglicherweise eine Rundum-Betreuung, ihm reicht aber ein kurzer schriftlicher Abriss der Aktivitäten und der dabei erzielten Ergebnisse als Information aus. Bäuerliche Waldbesitzer oder Personen mit einer hohen emotionalen Affinität zu ihrem Wald wollen mehr wissen, und nehmen entsprechende forsttechnische und holzmarktbezogene, aber auch ökologische und naturschutzbezogene Informationen gerne auf.
IH: Der Kleinprivatwald als Mengenpuffer bei hoher Holznachfrage - denn auf dem Kleinprivatwald lasten keine Fixkosten von Verwaltung, Revierleitung etc.? Ein realistisches Modell?
GB: In der Tat wird der Privatwald von vielen Holzeinkäufern heute noch als „Mengenpuffer“ betrachtet, und tatsächlich ist das Einschlagsverhalten des Privatwaldes bisher deutlich preissensibel. Dies kann auch ökonomisch sinnvoll sein, da der kleine Privatwald als „aussetzender Betrieb“ beim Stillstand, d. h. wenn kein Einschlag getätigt wird, kaum Fixkosten aufweist. Andererseits schafft eine erfolgreiche Mobilisierung von Holz aus dem Privatwald in guten Zeiten eine gewisse Erwartungshaltung, dass es auch in schlechteren Holzmarktzeiten mit dem Absatz „weitergeht“. Wenn hier die Holzkäufer nicht auch ihren Kundenstamm im Privatwald pflegen, ist das gewonnene Vertrauen und damit der Wunsch zur permanenten Belieferung des Holzmarktes schnell wieder zerstört.
IH:Ist das zarte Pflänzchen 'Mobilisierung' durch Naturschutzauflagen z.B. auf FFH-Flächen bedroht?
GB: Antwort In der Tat bringt das FFH-Thema Unruhe auch unter den Waldbesitzern. Die Verwaltungspraxis, FFH-Flächen auszuscheiden, ohne dass bekannt war, was sich daraus für den Waldbesitzer konkret an Einschränkungen ergibt, befördert natürlich diese Unsicherheit. Konkretisiert werden diese Auflagen erst durch die sog. Managementpläne, die jetzt in Arbeit sind und von denen heute erst wenige in ihrer endgültigen Form vorliegen. Erst auf Grundlage dieser Pläne kann man konkrete Erfahrungen sammeln, was im Einzelfall ein „Verschlechterungsverbot“ für den Waldbesitzer konkret hinsichtlich seines Einschlagsverhaltens und dami für die Rohholzmobilisierung bedeutet. Das Stehenlassen von einigen Totholzbäumen je ha wird dabei sicher zu verschmerzen sein, ein totaler Einschlagsstopp älterer Buchenbestände kann jedoch für viele Waldbesitzer und für den Holzmarkt eine schwerwiegende Beeinträchtigung bedeuten. Fest steht, dass durch FFH-Auflagen das Holzangebot und damit die Mobilisierung sicher nicht befördert und unterstützt, sondern eher behindert werden.
IH: Herr Professor Becker, vielen Dank für das Gespräch!










